EMDEN 2008EMDEN 2008

MIT DER GEDÄCHTNISLANDKARTE DURCHS MUSEUM

Die Gäste aus Bremen probieren eine Rüstung an
Die Gäste aus Bremen probieren eine Rüstung an

 

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Der Nachmittag beginnt mit einer heiteren Erzählrunde über die Weihnachtsgeschenke – es ist der erste AG-Nachmittag im neuen Jahr. Acht Viertklässler sprudeln los und schnell kommt ein riesiger Gabentisch zusammen. Diethelm Kranz,
der Museumspädagoge, erklärt den Kindern einen wichtigen Effekt: „Warum könnt ihr euch mühelos merken, was ihr zu Weihnachten geschenkt bekommen habt? – Weil ihr es interessant findet!“ Die Kinder nicken, aber was hat das mit ihrer Arbeitsgemeinschaft im Museum zu tun? „Nun“, sagt Diethelm Kranz, „das funktioniert nicht nur mit Weihnachtsgeschenken. Alles, was ihr interessant findet, das könnt ihr euch gut merken. Und das Tolle daran: Ihr könnt es auch interessant für andere erzählen!“


Die acht Communauten merken: Hier wird’s spannend, denn auch der Museumspädagoge erzählt sehr anregend. „Schon sind wir bei unserer Museumsführung. Ihr müsst euch erobern, was ihr interessant findet. Das werden eure Erzählstationen, an denen ihr anderen etwas über Emden und seine Geschichte berichten werdet. Gleich gehen wir ins Museum und probieren etwas aus.“


Vorher gibt es im Raum der Museumspädagogik noch ein wenig Theorie. Diethelm Kranz hat einige Entwürfe für Mind-Maps, für „Gedächtnislandkarten“, mitgebracht. In die Mitte eines großen Blatts Papier hat er einen
Themenbereich geschrieben, der mit vielen Stichworten verbunden ist. Alle Stichworte gehören zu diesem Themenbereich. Wie eine Landkarte funktioniere das, erklärt Diethelm Kranz: „Und nun gehen wir endlich ins Museum!“.

 

Interesse wecken, Begabungen fördern

Ausgestattet mit Klemmbrettern und Stiften steht die kleine Gruppe wenig später vor dem Stadtmodell, das Emden um 1650 zeigt. Der Museumspädagoge erzählt über die Stadt Emden zu jener Zeit, wird aber schnell von den munteren Communauten unterbrochen: „Herr Kranz, sollen wir alles mitschreiben?“ – „Nein, nur das, was ihr interessant findet!“ Dann werden noch einige Schwächen am Stadtmodell ausgemacht: „Die Brücke ist falsch!“ – Warum sind da auf dem Wall keine Bäume?“ – „Da fehlt ‘ne Mühle!“ Dass das Stadtmodell für die Communauten interessant ist, steht außer Frage.

 

Dann wechseln alle den Standort und stellen sich vor die Rückseite des Stadtmodells. Hier ist Emden im Mai 1945 dargestellt. Die Kinder staunen, sind betroffen, denn von der Stadt ist so gut wie nichts mehr heil. Ein Mädchen fragt sehr schüchtern und verschreckt: „Nach dem Krieg, waren da gar keine Menschen mehr in Emden?“ – „Doch“, beruhigt Diethelm Kranz sie, „aber sie hatten fast alle ihr Zuhause verloren, denn das meiste, was nach den schweren Bombenangriffen übrig geblieben war, das waren die Bunker – und zum Glück auch die Pelzerhäuser.“ Die Kinder schreiben eifrig mit, bei einer Schülerin ist das Blatt längst beidseitig voll: „Ihr braucht nur Stichworte zu notieren, keine
Romane zu schreiben“, versucht der Museumspädagoge sie etwas zu bremsen.

 

Die nächste Station ist die berühmte Emder Rüstkammer: „Ist das alles echt?“ – Es ist wohl die beliebteste Frage,
wenn man die beeindruckenden Piken, Rüstungen und Schwerter sieht: „Auf diese Frage müsst ihr auch vorbereitet sein“, rät Diethelm Kranz seinen Communauten: „In einem Museum ist nicht immer alles echt, manche Dinge sind auch Nachbildungen, weil es zu gefährlich, zu kostspielig, zu aufwändig wäre, das Original auszustellen, oder wenn mehrere Museen etwas gleichzeitig ausstellen möchten.“


Was ist denn eine Rüstkammer?“, fragt der Museumspädagoge in die Runde. Ein stiller, zarter Junge weiß sofort die Antwort: „Da wurden früher die Waffen aufbewahrt“, antwortet er leise, aber bestimmt. „Prima, Jannik-Piet!“ – Der Junge wird noch ein zweites bemerkenswertes Solo in der Rüstkammer liefern, als er seinen Mitschülern ganz selbstverständlich erklärt, warum die Brustpanzer der Rüstungen so eine spitze Form haben: „Daran konnten die gegnerischen Schwerter nur abgleiten, aber nicht treffen!“

 

Die Arbeitsgemeinschaft der Communauten fördert außerhalb der Schule Begabungen, die im Unterricht nicht so viel Raum haben. „Schätze heben“ nennt es die Schulleiterin Franziska Petzold. Darum sei diese Arbeitsgemeinschaft eine so sinnvolle Ergänzung zum Unterricht, weil einer der wichtigsten pädagogischen Grundgedanken hier in die Tat umgesetzt werde, nämlich jedes Kind so anzunehmen, wie es ist, und es nach seinen Möglichkeiten zu fordern und zu fördern. Der Nachmittag endet mit vielen randvoll beschriebenen Blättern mit Stichworten für die Mind-Maps.

 

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Generalprobe mit Stichworten

Einen Monat später haben die Emder Communauten eine Art Generalprobe. Eine Kindergruppe aus Bremen hat sich im Museum angemeldet, um sich von Gleichaltrigen, eben den Communauten, das Museum zeigen zu lassen! Sie kommen am folgenden Wochenende. Es ist der Mittwoch davor: Zeit genug, um nach der Generalprobe die Aufregung noch einmal zu bändigen. Denn aufgeregt sind sie schon, die acht Communauten. Nach den vielen Wochen des Lernens und Übens wollen sie allmählich wissen, ob das alles so geht, wie sie es sich vorstellen.

 

Kimberley und Antonia stehen vor der großen Leuchtwand mit der Stadtansicht Emdens im Foyer des Museums. Die anderen Communauten, der Museumspädagoge Diethelm Kranz, Schulleiterin Franziska Petzold, Rhetoriklehrer Helmut Donk, Stadtführerin Lotte Botterbrodt und einige Mütter – sie alle sind wohl in diesem Moment nicht minder aufgeregt als die beiden Mädchen.

 

Antonia und Kimberley nehmen eine Sprechhaltung ein, suchen den Augenkontakt zu ihrem Publikum und begrüßen die Gäste, indem sie sich erst einmal vorstellen. Es zeigt sich, wie wichtig die Impulse von Helmut Donk für die Mädchen gewesen sind. Sie pressen ihre Hände jetzt zwar etwas nervös zusammen, aber sie wissen, wohin mit ihnen, und sie zeigen auf das, was sie erklären. Wenn Antonia und Kimberley etwas vergessen, dann genügt ein Blick auf die Mind-Map, die ein Mitschüler in Sichtweite hochhält – und die Klippe ist überwunden.

 

Jannik-Piet führt die Gruppe durch die Rüstkammer. Dieser Raum ist Attraktion und Herausforderung zugleich. Wie schon vor einigen Wochen spürt man, dass dieses Gebiet das Interesse von Jannik-Piet so sehr geweckt hat, dass der etwas
schüchterne Junge über sich hinauswächst.


Der Viertklässler leitet eine Gruppe von rund 15 Leuten durch einen großen Raum mit mehreren Stationen – und alle folgen ihm! Denn er lässt die anderen seine Begeisterung spüren, wie bei der Erzählübung vor einigen Wochen, als es um die Weihnachtsgeschenke ging. Museumspädagoge Diethelm Kranz und Schulleiterin Franziska Petzold wissen den
persönlichen Erfolg, den diese Erfahrung für den Jungen bedeutet, besonders gut einzuschätzen.

 

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Premiere

Am Ende eines jeden kleinen Vortrags bekommen die Communauten Korrekturen, Anregungen und positive Verstärkung. So vorbereitet und unterstützt gehen sie in die Premiere am folgenden Sonntagvormittag.


Fünf Kinder aus Bremen, die in der dortigen Kunsthalle ebenfalls Führungen für Gleichaltrige machen, sind das beste Publikum für diese aufregende Situation. Sie kennen die Anspannung gut aus eigener Erfahrung und ermuntern die Emder Communauten mit interessierten Fragen.


Museumspädagoge Diethelm Kranz ist zwar als „Souffleur“ ständig auf dem Sprung, aber die Kinder brauchen ihn nicht – sie helfen sich, wie schon so oft in diesem Projekt, gegenseitig: Da steht der Rüstkammerspezialist Jannik-Piet seinem Mit-Communauten Marcel zur Seite, als dieser bei seinem Steckenpferd, dem Stadtmodell, den Faden verliert, da erinnern Andela und Theresia mit angedeuteten Gesten die gerade vortragenden Communauten daran, dass sie ihre Hände in die richtige Position bringen.


Bei Kakao und Kuchen gibt es einen geselligen Ausklang: Die Gäste aus Bremen loben ihre gleichaltrigen Kollegen, und die Leiterin des Bremer Projekts gibt Tipps aus ihrer Arbeit. Eine tolle Bestätigung nach einem halben Jahr intensiver Arbeit!

 

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