OSNABRÜCK 2008
VOM KELLER BIS ZUM DACH
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Sieben Mädchen und Jungen der Domschule treffen sich wöchentlich im Osnabrücker Rathaus. Sie bilden das Team der Osnabrücker Communauten. Die kleine Gruppe entdeckt das ehrwürdige Gebäude, um es demnächst Gleichaltrigen zu zeigen. Wo anfangen? Welche Räume? Mit welcher Information? Und: Was ist uns, den Communauten, am wichtigsten? Am Anfang der Zusammenarbeit stehen viele Fragen. Der Betreuer der Communauten, Carsten Lehmann, setzt auf die Eigenständigkeit der Mädchen und Jungen; sie besuchen die 8. und die 6. Klasse und sind alle interessiert an Geschichte.
Bei den ersten beiden Treffen erkunden die Communauten das Rathaus vom Keller bis zum Dach und sind begeistert, was sie alles zu sehen bekommen. Ihr Betreuer Carsten Lehmann ist ein erfahrener Stadtführer, der das Rathaus in- und auswendig kennt. Deswegen weiß er, wo sich spannende Dinge verbergen, von denen andere nichts wissen. Eine Gewichtung der Räume nimmt Carsten Lehmann nicht vor, sondern lässt die Communauten zunächst auf Entdeckungsreise gehen.
Einen eigenen Zugang finden
Nach zwei Treffen legen die Jugendlichen selbstständig fest, welche Räume ihnen für die zukünftige Communauten- Führung durch das Osnabrücker Rathaus wichtig sind. Dafür müssen die vielen Eindrücke sortiert werden. Jeder Raum wird auf ein Blatt Papier geschrieben, zusätzlich kommen auf dieses Blatt die Informationen zu dem betreffenden Raum.
Anschließend ordnen die Schülerinnen und Schüler die Papiere vom Keller bis zum Boden, sodass ein guter Überblick entsteht, und sie entscheiden, welche Räume sie zeigen wollen, welche nicht und welche Räume eventuell „Füllthemen“ sein sollen.
In dieser Phase des Projekts legt der Betreuer Carsten Lehmann eine Internetseite für die Communauten-Gruppe an. Nach und nach werden dort die Themen für eine zukünftige Rathausführung gesammelt; außerdem gibt es ein Internet-Forum, in dem die Communauten und Carsten Lehmann von Woche zu Woche Fragen, Anregungen und Informationen austauschen. So sind sie zwischen ihren wöchentlichen Treffen ständig im Kontakt.
Nachdem die Räume und Themen festgelegt sind, geht es daran, die Führung inhaltlich zu gestalten. Carsten Lehmann greift auch hier kaum ein, er versteht sich eher als Berater der Communauten: „An dieser Stelle war mir vor allem wichtig, keine Vorgaben zu machen – auch ‚heilige Kühe‘, wie z.B. das Thema Westfälischer Friede, durften aus der Führung gestrichen werden. Das Ergebnis zeigt dann auch, dass die Communauten traditionell besetzte Themen eher uninteressant finden und lieber kleine Themen aufnehmen, die sonst nicht Bestandteil einer Führung sind. Nur das, was einen selber interessiert, kann man sich leicht merken und später mit Freude präsentieren.“
Der Leitsatz „Zeigt nur das, was euch selber interessiert“ ist von Anfang an wichtiger Bestandteil. Die Communauten haben diesen Gedanken sehr ernst genommen, mussten allerdings an einigen Punkten feststellen, dass man ihn nicht zum Gesetz erheben darf. Denn auch für eine unkonventionelle Führung muss man sich ab und zu mit Themen beschäftigen, die weniger Spaß bereiten. Carsten Lehmann berichtet, dass bei einem Treffen die Stimmung deswegen zu kippen drohte: „Wir haben diese Situation genutzt, um darüber zu diskutieren, was Besucher wohl interessieren könnte und was nicht, und wir haben die Führung noch einmal als Dienstleistung oder Service ‚am Kunden‘ gesehen. Für die Communauten war es an dieser Stelle wichtig zu verstehen, dass sie bei ihrer Führung durchaus in eine besondere Rolle schlüpfen und quasi eine ‚offizielle‘ Funktion übernehmen. Bisher war ihnen dies nicht so bewusst.“
Im Trainigslager
"In eine Rolle schlüpfen“ – das ist eine wichtige Erfahrung, die die Schülerinnen und Schüler machen, wenn sie beginnen, vor einer Gruppe zu sprechen. Die Osnabrücker Communauten üben in mehreren Schritten, sich dieser neuen Rolle anzunähern. Zunächst erarbeiten sie gemeinsam ein übersichtliches Thema, die Stadtentwicklung von Osnabrück. Die einzelnen Zeitabschnitte erläutern sie anschließend an einem vorhandenen Stadtmodell, frei sprechend vor der eigenen Gruppe.
Carsten Lehmann zeigt ihnen in einem weiteren Schritt die Technik des Mind-Mappings („Gedächtnislandkarte“, siehe auch Emder Communauten). Für die Schülerinnen und Schüler war es zunächst ungewohnt, „strukturierte Spickzettel“ anzufertigen. Der Vorteil dieser Technik ist jedoch, dass sie in den Grundzügen sehr leicht zu erlernen ist. Für die Zwecke einer Führung ist sie ideal. Jeder „Spickzettel“ kann von jedem gelesen und verstanden werden, der mit der
Technik vertraut ist – somit sind die Mind-Maps bei den Osnabrücker Communauten zu einem wichtigen Kommunikationsmittel geworden.
In einer weiteren Übungsphase geht es um den Erwerb von Grundlagen der Rhetorik, um das Wissen vor einer Gruppe verständlich und lebendig darzustellen. Die Communauten entwickeln ein erstes Gespür für eine Vortragssituation: Wie laut muss ich vor einer Gruppe sprechen? Wieviel räumlichen Abstand von der Gruppe brauche ich? Welches Sprechtempo ist angemessen? Sie üben das zunächst mit Themen aus ihrem Alltag, z. B. das Aufsagen des Stundenplanes. Für ihre Selbstkontrolle hat Carsten Lehmann die Communauten anhand von Videoaufzeichnungen korrigiert: "Für alle Schülerinnen und Schüler war es beeindruckend zu sehen, wie sehr sich nach drei Stunden intensiver Übung das eigene Sprechverhalten geändert hat und damit auch die Art zu präsentieren. Ich persönlich halte diese Phase für sehr erfolgreich. Mit wenigen Mitteln konnten die Communauten einen deutlichen Vorteil gewinnen – auch für den Alltag.“
Kontakt zum Publikum
In der letzten Übungsphase lernen die Communauten, wie sie ihr Wissen über das Rathaus sprachlich überzeugend präsentieren können. Alle suchen sich ein Thema oder ein Objekt, das sie besonders mögen. In der anschließenden halben Stunde Vorbereitungszeit stellen sie Informationen über diesen Ort zusammen und sortieren sie für einen Kurzvortrag, in den alles bisher Gelernte einfließt.
Jede und jeder präsentiert das gewählte Thema vor der übrigen Gruppe, zunächst ohne Kommentar der anderen, in einem zweiten Durchgang mit Rückmeldungen („zu laut“, „zu leise“, „zu schnell“, „… das habe ich nicht verstanden“). Zufälligerweise ist die Mutter einer Schülerin an diesem Tag schon im Rathaus, um ihre Tochter abzuholen – und erlebt deren Vortrag mit. Sie ist überrascht, diese bisher unbekannte Seite ihrer Tochter zu erleben. In den folgenden Wochen wird dieses Trainingspensum beständig erweitert. Jedes Treffen hat zum Ziel, dass jeder Communaut an jedem Treffen vor der eigenen Gruppe an ein bis zwei Orten führt, denn, so der erfahrene Stadtführer Carsten Lehmann: „Führungen machen lernt man nur durch Führen!“

