OLDENBURG 2008
WAS GEHT AB IN OSTERBURG?
Das Communauten-Projekt mit einer 9. Realschulklasse hat im Rahmen des Erdkundeunterrichts stattgefunden. Teilgenommen hat die gesamte Klasse, betreut von fünf Studentinnen. Die Projektarbeit fand einmal wöchentlich während der Unterrichtszeit statt; von Woche zu Woche musste zusätzlich recherchiert werden. Die Dauer des Projekts erstreckte sich auf das Wintersemester der Studentinnen, die aber über das Semesterende hinaus teilweise noch weiter mit den Schülerinnen und Schülern an den einzelnen Themen arbeiten.
Die Klasse 9a der Realschule Osternburg erkundet für das Communauten-Projekt den eigenen Stadtteil. Zu Beginn ist das ziemlich mühsam, weil die Schülerinnen und Schüler der Meinung sind, in ihrem Viertel gebe es nichts Besonderes. Für die fünf Studentinnen, die die Klasse betreuen, bedeutet das eine hohe Anforderung an ihr Geschick, die Klasse dennoch zu motivieren. Vielleicht gibt es ja doch etwas in dem vermeintlich langweiligen Osternburg zu entdecken, das man dann auch gern anderen zeigen möchte?
Den Studentinnen ist es besonders wichtig, dass die Schülerinnen und Schüler ihre eigenen Vorstellungen entwickeln und dass sie als Betreuerinnen dementsprechend nur wenige Vorgaben machen. Schnell stellt sich heraus, dass diese Arbeitsweise bei der Klasse auf wenig Verständnis stößt. Zu sehr sind die Schülerinnen und Schüler in ihrer Wahrnehmung des Schulalltags gefangen, als dass kurzfristig ein komplettes Umdenken möglich wäre.
Eine Studentin notiert in ihrem Projektbericht: „Mit wirklich freien Projekten werden Heranwachsende in ihrer Rolle als Schüler anscheinend überfordert, als Jugendliche jedoch nicht. Das Problem liegt meines Erachtens in dem institutionellen Gedanken, den Schüler mit der Schule verbinden: ‚Die richtigen, die erwarteten Lösungen gibt es schon, und wenn ich warte, dann werden sie mir auch gegeben. Schule ist so, und da kann ich sowieso nichts ändern, selbst wenn Lehrer und Betreuer aus pädagogischen Hintergedanken anderes behaupten‘.“
Die Phase der Themenfindung und der Überzeugungsarbeit ist daher nicht leicht. Die Studentinnen entscheiden sich, mehrere kleinere Projekte anzubieten, die überschaubar sind. Erste Erkundungsfahrten, zum großen Teil mit dem Fahrrad, festigen die folgenden Themen:
• Schleichwege in Osternburg (5 Schüler/innen, 1 Studentin)
• Schlossgartenführung (10 Schüler/innen, 2 Studentinnen)
• Umweltführung in Osternburg (5 Schüler/innen, 1 Studentin)
• Freizeitmöglichkeiten in Osternburg (4 Schüler/innen, 1 Studentin)
Bei den folgenden Treffen arbeiten die Schülerinnen und Schüler oft außerhalb des Klassenraums, was sich für das Projekt immer als positiv erweist. Im Kontakt mit Leuten, die Ansprechpartner für ihre jeweiligen Themen sind, entwickeln sie Fragen und Kritik, Ideen und Umsetzungsmöglichkeiten oft spontan vor Ort. Darin liegt ein großer Gewinn des Communauten-Projekts. Diese Erfahrungen werden auch von anderen Projektpartnern berichtet.
Schleichwege in Osternburg
Erkundungsfahrten mit dem Fahrrad und Spurensuche zu Fuß: Die Schleichweg-Arbeitsgruppe hat sich Osternburg mit einem originellen Kriterium angenähert.Wo sind die Wege, die die eigentliche Route abkürzen? Wo gibt es Trampelpfade, über Jahre von Fußgängern geformt? Welche Wege sind ausschließlich für Fußgänger oder Radfahrer und warum?
Die fünf Schülerinnen und Schüler halten nach diesen Pfaden Ausschau und tragen systematisch ihre Ergebnisse in eine Liste ein. Diese Liste ordnet die Schleichwege nach den Straßen, die durch die Schleichwege verbunden werden. In einem weiteren Arbeitsschritt zeichnen die Schülerinnen und Schüler die Schleichwege in einen Stadtplan. So erhält der Stadtplan ein erweiterndes Suchkriterium. Die Ergebnisse werden in einem Faltblatt mit einem Plan veröffentlicht, auf dem die Schleichwege für Fußgänger und Radfahrer eingezeichnet sind.
Schlossgartenführung
Die Gruppe, für die sich anfangs die meisten Schülerinnen und Schüler interessierten, hat während der Projektarbeit mehrere Krisen zu überwinden. Als besonders schwierig erweist sich die Phase, in der die Schülerinnen und Schüler konkret die einzelnen Anlaufpunkte im Schlosspark bestimmen wollen. Für diese Festlegung muss recherchiert und begründet werden, denn kleine Anekdoten und überraschende Informationen lockern den jeweiligen Text für einen bestimmten Anlaufpunkt auf.
Die Dozentin des Seminars, Dr. Berit Pleitner, rät den Studentinnen, die geplante historisch orientierte Führung in eine Geschichte einzubinden und so das Interesse am Ort zu steigern. Der zunächst fremde Kontext des Schlossgartens aus dem 18. Jahrhundert kann durch eine selbst entwickelte Geschichte erlebbar werden. So wird die Idee für eine Kriminalaufführung geboren, und die Aussicht auf ein kostümiertes Rollenspiel mit Liebes- und Eifersuchtsszenen führt zur Akzeptanz des Vorschlags. Diese Entscheidung wirkt sich sehr motivierend auf die gesamte Gruppe aus. Die erste Krimi-Schlossgartenführung ist am Semesterende in konkreter Vorbereitung (www.communauten-oldenburg.de).
Umweltführung
Die Schüler der Umweltgruppe erarbeiten eine Führung an ökologisch interessante Punkte in Osternburg. Folgende Aspekte stehen im Zentrum: Wie haben die Osternburger in die Umwelt eingegriffen? Welche Auswirkungen hat das auf Mensch und Natur? Was tun die Osternburger heute, um ihre Umwelt zu schützen? Die Schüler haben fünf Stationen ausgewählt, an denen sich die Fragen besonders anschaulich darstellen lassen: Es sind der Wunderburgpark, der Küstenkanal, das ehemalige Gaswerk, ein Moorstück in einem Wohngebiet und die Solaranlage auf dem Dach der Feuerwache.
Die Führung soll für einen individuellen Rundgang entstehen. Ein Audioguide, den man inklusive eines Lageplans der einzelnen Stationen auf der Homepage der Schule (www.ukena1.de) findet, kann auf den eigenen MP3-Player geladen werden. So gut ausgerüstet geht es auf Umwelttour in Osternburg. Trotz einiger Motivationseinbrüche – immer dann, wenn es um das Recherchieren von Fakten geht – gelingt es der betreuenden Studentin, die fünf Jungen so sehr „bei der Stange“ zu halten, dass sie kurz vor Weihnachten bei der Präsentation ihres Themas als beste Gruppe abschneiden.
Der schulische Rahmen, in dem das Communauten-Projekt stattfindet, bedingt, dass einige Leistungen benotet werden müssen, was sich nicht immer positiv auf die Einstellung der Jugendlichen zum Projekt erweist. Nach den Weihnachtsferien kommen zwei Expertinnen von außen hinzu, die den Schülern beim Schreiben der Hörtexte und bei ihrer Vertonung helfen: Die Expertin von der Oldenburger Schreibwerkstatt hilft den Schülern, ihre Texte so zu formulieren, dass man gern zuhört; die andere Expertin ist eine freie Journalistin, die Tipps und Tricks für das Sprechen am Mikrofon gibt.
Freizeitmöglichkeiten
„Was geht ab in Osternburg?“ – Der flotte Titel hält, was er verspricht. Die Arbeitsgruppe hat eine 12-seitige Broschüre erstellt, die Jugendlichen Informationen über die Freizeitmöglichkeiten in Osternburg gibt. Beim Erstellen dieser Broschüre wurde das Desktop-Publishing-Programm Scribus (freie Software) verwendet. Unter professioneller Anleitung lernten die Schülerinnen einige Grundfunktionen dieses Programms und konnten anschließend selbstständig das gewünschte Layout der Broschüre technisch umsetzen. Diese komplizierte Arbeit machte den Schülerinnen im Gegensatz zu den vorangegangen Recherchearbeiten viel Spaß.
Die einzelnen Angebote werden detailliert mit Öffnungszeiten und Kontaktpersonen beschrieben. Besondere Aufmerksamkeit haben die Schülerinnen dem Mehrgenerationenhaus gewidmet. Vielleicht trägt ihre Broschüre dazu bei, diese Einrichtung auch bei jungen Leuten bekannter zu machen. Denn auch im Mehrgenerationenhaus „geht einiges ab“!
Wer die Communauten-Ziele in Osternburg miteinander verbinden möchte, kann das auf originelle Weise: Die beiden Gruppen „Umwelt“ und „Freizeitmöglichkeiten“ haben ihre einzelnen Stationen auf eine Route gelegt, die mithilfe der Schleichweg-Experten ausgearbeitet worden ist. Die Route wird nach einer „Testphase“ durch die Schülerinnen und Schüler anschließend anderen Jugendlichen angeboten. Sage noch einer, Osternburg sei langweilig!

